6. Ausblick

Daß die weltweit vorherrschende ökologische und soziale Krise einen dringenden Handlungsbedarf erfordert, um den Postulaten der intragenerationellen und intergenerativen Gerechtigkeit zu entsprechen, kann ernsthaft nicht bestritten werden.
      Aus philosophischer Sicht stellt sich zunächst die Frage, welche ethischen Konzeptionen dazu beitragen können, die angesprochenen Probleme stärker in das Bewußtsein zu rücken, um den Ansprüchen einer nachhaltigen Entwicklung gerecht zu werden.
      Eine Reihe normativer Postulate innerhalb der Debatte befinden sich auf der Ebene der Idealnormen, die als Leitbilder eine wichtige Funktion besitzen, jedoch in der Praxis die Akteure überfordern können. Die zentrale Aufgabe besteht nunmehr darin, Handlungsspielräume zu eröffnen, um den "Spagat" zwischen idealen Normen einerseits und praktischem Handeln bzw. Unterlassen andererseits zu ermöglichen.
Ein meines Erachtens nach erfolgversprechender Weg besteht in einer Kombination aus einem diskurs- und verantwortungsethischem Ansatz. Auch innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte wird die Forderung laut, den Betroffenen der ökologischen und sozialen Krise eine stärkere Partizipation an den für sie relevanten Entscheidungen einzuräumen. Da schon aus logischen Gründen nicht alle betroffenen Individuen am Prozeß der Willensbildung teilnehmen können, zu denen auch unmündige und zukünftige gezählt werden, müssen deren Interessen advokatorisch vertreten werden.
      Ein Defizit des diskursethischen Modells liegt in seiner inhaltlichen Umbestimmtheit, da nur das Verfahren für die Entscheidungsfindung inhaltlicher Konzeptionen zugrundegelegt wird. Konkrete Ziele bleiben zunächst offen und sollen allein durch die Diskursteilnehmer festgelegt werden. Damit die am praktischen Diskurs teilnehmenden Individuen nicht zu moralisch fragwürdigen egoistischen Entscheidungen gelangen, scheint mir bei strittigen Entscheidungsfragen eine Orientierung am Gedankenexperiment von Rawls (Schleier des Nichtwissens) hilfreich zu sein, um egoistische Motive auszuschließen.
Diskursverfahren bewegen sich auf einer formalen Ebene, während der verantwortungsethische Ansatz verstärkt die praktischen Verhältnisse und konkreten Problemlagen anspricht. Die Ausrichtung einer Ethik der Verantwortung liegt in ihrem Postulat, die Verantwortungsbereiche einer intragenerationellen und intergenerativen Gerechtigkeit abzustecken, wodurch Nachhaltigkeitspostulate wie Ressourcenschonung, Verteilungsgerechtigkeit und Naturerhalt bereits impliziert sind.

Weiterhin stellt sich die Frage, welche Ansätze innerhalb der ökologischen Ethik nicht nur moralisch stark sind, sondern auch eine Orientierungshilfe für die Praxis bieten können. Wie bereits im Text aufgeführt wurde, stehe ich biozentrischen und holistischen Positionen skeptisch gegenüber, da sie die Akteure m.E. überfordern und keine adäquate Entscheidungshilfe bei praktischen Konfliktlagen bieten können.
Selbstverständlich sollte ein möglichst umfassender Ressourcen- und Artenerhalt angestrebt werden. Natürlich sollten die Eingriffe des Menschen in den Naturhaushalt möglichst sparsam, risikoaversiv und umweltverträglich erfolgen. Auf eine Substituierbarkeit von Ressourcen sollte ebenso geachtet werden wie auf die Befolgung des Verursacherprinzipes.
      Dennoch müssen bei Entscheidungen in der modernen Industriegesellschaft neben der Schonung der natürlichen Umwelt auch Interessenlagen in Hinblick auf eine wirtschaftliche Prosperität und Konkurrenzfähigkeit, dem Erhalt und der Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Konsumbedürfnisse berücksichtigt werden, die nicht zwingend mit den Zielen der Nachhaltigkeit in Einklang stehen müssen. Die Verfolgung an der Maxime einer größtmöglichen Erhaltung von Umweltgütern ist zwar als Leitprinzip hilfreich, jedoch in der Praxis nicht immer durchsetzbar. Die Erhaltung einer Pflanzenart kann u.a. mit anderen gut begründeteten Bedürfnissen konkurrieren, die deren Ausrottung rechtfertigen können.
      In diesem Zusammenhang ist auch die Forderung nach einer "strong sustainability" wirklichkeitsfremd, vielleicht sogar kontraproduktiv. Da hier ein sinkender Anpassungsprozeß einer nachhaltigen Entwicklung grundsätzlich untersagt ist, scheint mir die Konzeption der "weak sustainability" eine tragfähigere Konzeption darzustellen, da dort die langfristigen ökologisch verträglichen Ergebnisse entscheidend sind. Eine vorübergehend schlechtere Umweltqualität ist m.E. gerechtfertigt, wenn das Ergebnis langfristig dieses Defizit ausgleicht.

In Bezug auf die Interessen zukünftiger Generationen möchte ich der These von Ott zustimmen, daß auch unsere Nachkommen in einer Welt mit einem möglicht reichen und unbelasteten Ressourcen- und Artenvorkommen leben wollen, um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Nahrung und Gesundheit befriedigen zu können. Dennoch sind sparsame, risikoaversible menschliche Eingriffe in den Naturhaushalt gerechtfertigt, um die Bedürfnisse der bereits existierenden Generationen zu befriedigen. Dabei ist jedoch eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes gerade gegenüber den Ländern der Dritten Welt geboten. Diese Bemühungen sind jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt, sofern nicht unverzüglich Maßnahmen zur Bevölkerungsbegrenzung in den Entwicklungsländern ergriffen werden.
      Weiterhin sind massive internationale und regionale Anstrengungen erforderlich, um die ökologische und soziale Krise einzudämmen. Zunächst müssen die im Brundtland-Bericht und auf der Konferenz von Rio de Janeiro deklarierten Ziele und daraus resultierenden notwendigen Maßnahmen einen verbindlichen Charakter für die Unterzeichnerstaaten aufweisen. Insofern sind Kontrollkommissionen erforderlich, die wirtschaftliche Aktivitäten überwachen und Umweltvergehen anprangern.
      Erfolgsversprechend scheinen mir weiterhin die Konzepte zu sein, die stärker auf die Sensibilisierung für Umweltfragen, aber auch auf die monetäre Bewertung von Umweltgütern setzen, um den materiellen und immateriellen Wert der natürlichen Umwelt für den Menschen hervorzuheben.
      Auf staatlicher Ebene sind steuerliche Anreize für Unternehmen, die aktiven Umweltschutz betreiben ebenso unverzichtbar, wie massive Sanktionen für Unternehmen, die die Umwelt unnötig belasten. Die Vermeidung von Umweltschäden sollte dabei die vorangige Aufgabe gegenüber der Behebung von Schädigungen einnehmen. Die aufgezeigten ökologischen "Buchhaltungs"-Instrumente der Unternehmen liefern dabei einen Schritt in die richtige Richtung, sofern Umweltschutzaktivitäten nicht nur als PR-Maßnahmen "verkauft" werden, sondern substanziell tragfähige Konzepte aufweisen, die in der Praxis umgesetzt werden.
      Unternehmen, die auf die Verfolgung ökologischer Zielkategorien setzen, können nicht nur auf eine größere gesellschaftliche Akzeptanz bei ihren Kunden und Mitarbeitern hoffen, sondern können auch einen ökonomischen Gewinn erzielen, sofern staatliche Rahmenbedingungen diese Maßnahmen unterstützen.

Damit "Nachhaltigkeit" und die mit diesem Begriff zahlreichen verwandten Bezeichnungen keine inhaltslose Leerformel bleibt, sind akzeptier- und überprüfbare Konzepte notwendig, die auf ethisch fundierten Handlungsprämissen aufbauen und bei denen der Faktor der natürlichen "Umwelt" als Produktionsgröße sowohl in die gedankliche als auch in die ökonomische Kalkulation einbezogen wird.

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