4. Ethische Aspekte

Die Erhaltung der natürlichen Umwelt für nachfolgende Generationen ist, so Busch-Lüthy, bereits innerhalb der Forstwirtschaft zu einem ethischen Prinzip geworden. Als "Waldgesinnung" wird das Verhalten bezeichnet, bei dem das "Unterlassen" bei Eingriffen in den Naturhaushalt im Vordergrund steht.[131] Henning formuliert die Erhaltung der Gesamtnatur als das höchste ethische Ziel einer Nachhaltswirtschaft.[132]
      Im aktuellen Umweltgutachten des vom Bundesumweltministerium beauftragten Rates von Sachverständigen für Umweltfragen stehen ethische Fragen einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung im Mittelpunkt. Es wird ein "Sustainability-Ethos als Ethos integrierter Verantwortung" gefordert, auf dessen normativer Grundlage Prinzipen entwickelt werden sollen, um den ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen gerecht zu werden.[133] Klare ethische Richtlinien müssen Radermacher zufolge hingegen erst geschaffen werden:

"Es bleibt festzuhalten, daß "nachhaltige Entwicklung" eine normative, politische Orientierungs- und Zielgröße ist, deren Bedeutung im einzelnen diskutiert und festgelegt werden muß."[134]

Worster bemängelt, daß es in der Diskussion noch keine "tiefgreifende moralische Analyse" des "Schlagwortes" Nachhaltigkeit gegeben habe.[135] Obwohl dieser Beitrag diesem Anspruch nicht gerecht werden kann, werden neben allgemeinen ethischen Prinzipien und Positionen, auch die im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeitsdiskussion verbundenen Handlungsfelder der ökologischen Ethik und "Zukunfts"-ethik skizziert.

Seit Aristoteles wird der Begriff der Ethik als wissenschaftlicher Terminus für das moralisch oder sittlich richtige Handeln des Menschen angewendet. Die Ethik erhebt durch ihre Aussagen einen universellen Anspruch und reflektiert ihre Formen und Prinzipien ohne Berufung auf politische und religiöse Autoritäten oder althergebrachte Gewohnheiten.[136] Ethische Aussagen orientieren sich am guten und gerechten Handeln und sind rational begründungsbedürftig.[137] Weiterhin ist das Prinzip der Allgemeingültigkeit zu beachten, das als eine ethische Norm

"[...] für alle Personen und Situationen eines bestimmten Typs gilt, d.h. nicht nur für bestimmte Individuen, Situationen, Regionen oder Zeiträume; als auch, daß sie im Prinzip gegenüber jedermann gerechtfertigt werden und gegenüber jedem, der ihre Geltung bezweifelt, einsichtig gemacht werden kann."[138]

Die Ethik, die auch gleichbedeutend als Moralphilosophie bezeichnet wird [139], kommt dann zum Tragen, wenn Problemlagen auftauchen, die Entscheidungshilfen verlangen. Dabei gibt es keine allgemeinen Urteile, die verbindlich festlegen, was moralisch richtig oder falsch ist. Ethik wird im allgemeinen als "Krisenreflexion"[140] verstanden; ihre Analyse dient der Überprüfung von

"[...] Wertorientierungen, die sich im Laufe der Zeit wandeln, jeweils auf ihre aktuelle Trag- und Zukunftsfähigkeit hin, sowie im Blick auf ihre Übereinstimmung mit grundlegenden ethischen Normen."[141]

Die theoretische ethische Reflexion dient der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis, also der Beziehung zwischen dem "Gedachten zum Handeln".[142]
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen fordert, daß die innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte zum Tragen kommende Ethik

"[...] ebenso prinzipienstark wie anwendungsorientiert [...]"[143]

zu sein habe.
      Damit wird genau das Spannungsfeld zwischen idealen Normen auf der einen Seite und praktischem Handeln auf der anderen Seite angesprochen. Die Unterscheidung zwischen idealen und praktischen Leitlinien basiert auf der Feststellung, daß ideale Normen in der Praxis oftmals nicht befolgt werden können, da sie die Aktuere überfordern, sofern sie alle "idealen" Ansprüche einlösen müßten.

"Praxisnormen dagegen sind Normen, die so formuliert sind, daß sie die Fehlbarkeit ihrer Adressaten von vornherein berücksichtigen und Anwendungsdefiziten zuvorkommen. Praxisnormen verhalten sich zu idealen Normen wie einfache Gesetze zu Verfassungsnormen. Wie Gesetze die Aufgaben haben, Verfassungsnormen einer bestimmten Rechtsgemeinschaft sowohl inhaltlich zu konkretisieren, als auch praktisch durchzusetzten, haben Praxisnormen die Aufgabe, abstrakte Moralnormen im Rahmen einer bestimmten Gesellschaft zu operationalisieren und mit potentiell wirksamen Motiven so zu verknüpfen, daß die Chancen maximiert werden, die von den abstrakten Normen postulierten Ziele zu erreichen."[144]

Birnbacher ergänzt, daß die Komplexität der idealen Normen letztendlich soweit zu reduzieren sei, daß eine Anwendung ethischer Prinzipien auf konkrete Situationen in der Lebenspraxis ermöglicht werden kann.[145]
      Eine Reihe von Postulaten innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte basieren auf "idealen" normativen Forderungen, die die Abwägungsprozesse und Kompromißnotwendigkeiten der Akteure zunächst nicht in den Blickpunkt rücken.

Die Sozialmoral richtet sich im Gegensatz zur Individualmoral auf andere und kann zu einer Einschränkung persönlicher Bedürfnisse und Verzichten auffordern, wie Mackie einräumt:

"Im engeren Sinn handelt es sich bei der Moral um ein System von Verhaltensregeln besonderer Art, nämlich von solchen, deren Hauptaufgabe die Wahrung der Interessen anderer ist und die sich für den Handelnden als Beschränkung seiner natürlichen Neigungen und Handlungswünsche darstellen."[146]

Diese Forderung wird innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte speziell in Bezug auf die Verteilungsprobleme zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern laut und umfaßt zudem die Verantwortung für zukünftige Generationen. Im Brundtland-Bericht wird postuliert, daß die Erhaltung der Natur eine moralische Verpflichtung gegenüber Lebewesen und zukünftigen Generationen darstellt.[147]

Innerhalb der ethischen Debatte gibt es eine Reihe unterschiedlicher Ansätze, etwa die Maximenethik (Kant), den Utilitarismus (Bentham, Mill) oder die Diskursethik (Apel, Habermas).
      Im diskursethischen Ansatz wird davon ausgegegangen, daß die Teilnehmer des Diskurses eine verständigungsorientierte Variante der Entscheidungsfindung bei Problemlagen vornehmen. In kommunikativen Handlungen orientieren sich die Handlungspläne der Teilnehmer an der Maxime der wechselseitigen Verständigung, um ein diskursives Einverständnis zu erreichen.[148] Die Grundvorstellung dieses Ansatzes wird durch das universalpragmatische Prinzip der Diskursethik festgelegt und besagt,

"[...] daß nur die Normen Geltung beanspruchen können, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten)."[149]

Die Festschreibung inhaltlicher Prinzipien, wie sie z.B. im Utilitarismus durch die Maxime der Nutzenmaximierung vorgegeben ist, findet innerhalb der Diskursethik nicht statt, da ausschließlich das Verfahren zur ethischen Urteilsfindung festgelegt wird.
      Im Gegensatz zur Theorie von Rawls, bei der sich die Akteure in einem "Schleier des Nichtwissens" befinden, müssen nach der Konzeption der Diskursethik

"[...] individuelle Begehrungen, Bedürfnisse, Wünsche, und Interessen nicht ausgeschlossen werden und sie können dies auch gar nicht, denn die Übereinstimmung wird ja gerade im Hinblick auf sie angestrebt."[150]

Eine Kritik an der Diskursethik liegt in ihrer Unbestimmtheit, da durch die Verfahrensregeln keine inhaltlichen Konzeptionen zugrundegelegt werden. Kuhlmann und Apel bestreiten, daß das Verfahren der Diskursethik allein als tragfähiges ethisches Modell angesichts der ökologischen Probleme ausreicht. Die Autoren plädieren für eine Ergänzung des diskursethischen Ansatzes durch eine Ethik der Verantwortung. Kuhlmann weist zwar auf die impliziten Gerechtigkeitsbedingungen innerhalb des diskursethischen Verfahrens hin, da dort nur die Normen anerkannt würden, denen alle Beteiligten zustimmen würden. Trotz dieser Gerechtigkeitspostulate bleibt die Diskursethik ihrem eigenen Anspruch zufolge formal. Daher fordert Kuhlmann eine "Korrektur" der Diskursethik durch Elemente der Verantwortungsethik, da dort die Eigenschaften "Sympathie", "Teilnahme" und "Wärme" gegenüber unseren Nachkommen inhaltlich vertreten werden. Die "Verantwortungsethik" kann jedoch nicht als etablierter ethischer Ansatz innerhalb der Philosophie angesehen werden kann.

"Die Ethik der Verantwortung versteht sich primär als Versuch, bei der Bewältigung eines konkreten praktischen Problems, einer konkreten Gefahr zu helfen und nicht so sehr als philosophische Fundamentaldisziplin, die Kriterien und Normen auf Vorrat erarbeitet."[151]

Die Position der "Verantwortungsethik" wurde maßgeblich von Jonas geprägt. Sein Buch "Das Prinzip Verantwortung" erschien zu dem Zeitpunkt, als die ökologische Krise im Blickpunkt der Diskussion stand. Jonas reformuliert den kategorischen Imperativ von Kant, indem er zukünftige Generationen in das Zentrum seiner Überlegungen stellt.

"Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens [...]"[152]

Der Autor versucht die "Fernwirkungen"[153] von menschlichen Eingriffen in den Naturhaushalt für zukünftige Generationen stärker ins Bewußtsein zu rücken. Dem Ansatz von Jonas liegt das Kriterium des "Wohlwollens" zugrunde, das Kuhlmann wie folgt definiert:

"Dabei verstehe ich unter Wohlwollen eine Haltung oder Einstellung eines Handlungssubjektes zu seiner Umgebung, aus der heraus es für seine Umgebung bzw. für den daraus relevanten Ausschnitt zunächst einmal (prima facie) das Gute zu realisieren sich bemüht und dies um seiner Umgebung (bzw. des daraus relevanten Ausschnitts) willen anstrebt [...]"[154]

Auch Apel hält eine Ergänzung der Diskursethik durch Elemente einer Verantwortungsethik für unverzichtbar, um die Bedürfnisse zukünftiger Generationen in einer "Folgen-Verantwortungsethik" ausdrücklich in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Er formuliert folgendes Prinzip:

"Handle nur nach der Maxime, von der du im Gedankenexperiment, daß die Folgen und Nebenwirkungen, die sich aus ihrer allgemeinen Befolgung für die Befriedigung der Interessen jedes einzelnen Betroffenen voraussichtlich ergeben, in einem realen Diskurs - wenn er mit allen Betroffenen geführt werden könnte - von allen Betroffenen zwanglos akzeptiert werden können"[155]

In den folgenden beiden Absschnitten werden zwei ethische Themenfelder angesprochen, die eng mit Fragen der Nachhaltigkeit verbunden werden. Während innerhalb der ökologischen Ethik konkurrierende Ansätze vorliegen, die unterschiedliche Verantwortungsbereiche des Menschen definieren, um die ökologische Bewußtseinsbildung zu fördern, versuchen zukunftsethische Konzeptionen allgemeine Prinzipien zu entwickeln, die die Interessen zukünftige Generationen stärker berücksichtigen sollen.


131 vgl. Busch-Lüthy 1992, S. 9
132 vgl. Henning 1991, S. 67
133 vgl. Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (Hg.) 1994, S.25
134 Radermancher 1993, S. 331
135 vgl. Worster 1994, S. 95
136 vgl. Tugendhat 1984, S. 94f
137 vgl. Höffe 198633, S. 54
138 vgl. Pelgrom de Haas 1989, S. 10
139 vgl. Hoerster 19845, S. 9
140 vgl. Riedel 1979, S. 8
141 Zilleßen 1988, S. 4
142 vgl. Pieper 1985, S. 39
143 Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (Hg.) 1994, S.12
144 Birnbacher 1988, S. 18f
145 vgl. ebd., S. 199
146 Mackie 1981, S. 133
147 vgl. Hauff (Hg.) 1987, S. 62
148 vgl. Habermas 1976, S. 176
149 vgl. Habermas 199144, S. 103
150 McCarthy 1989, S. 372
151 Kuhlmann 1987, S. 91
152 Jonas 1984, S. 36
153 ebd., S. 64
154 Kuhlmann 1987, S. 101, Frankena (19864, S. 64) hat die Forderung "Gutes zu tun und Schlechtes zu verhindern" als Prinzip des Wohlwollens bezeichnet.
155 Apel 1986, S. 19

Prometheus Online

zurück
Inhalt

weiter

zurück   Inhalt   weiter

 
© Prometheus Online 2000