3.5.2 Der Erhalt des natürlichen Kapitalstocks

Die Erhaltung des natürlichen Kapitalstocks stellt innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte ein unverzichtbares Ziel dar, um nachfolgende Generationen nicht zu benachteiligen. Es wird gefordert, daß die Zinsen des "natürlichen Systems" als Grenzwerte der Produktions- und Konsumprozesse fungieren sollen.[92]
      Amelung verbindet diese Forderung mit dem Verweis auf die zunehmende globale Knappheit an natürlichen Ressourcen:

"The growing scarity of natural resources and global environment problems call for economic development strategies that do not aggravate these problems or cause a reduction of the stock of of natural resources."[93]

Um die langfristige Aufrechterhaltung der ökologischen Funktionen zu gewährleisten, ist die Konstanz des natürlichen Kapitalstocks erforderlich. Darunter soll

"[...] ein konstanter physischer Befund an natürlichen Ressourcen und eine gleichbleibende Qualität dieser Ressourcen verstanden werden."[94]

Die Erhaltung des natürlichen Kapitalstocks ist Costanza zufolge bei erneuerbaren Ressourcen dann gewährleistet, wenn die Abbaurate nicht größer ist als die Nachwuchsrate (sustainable yield). Abfallmengen dürfen das Assimilationsvermögen der Umwelt nicht übersteigen (sustainable waste disposeal). Eine Abnahme des Naturstocks wird daher nicht toleriert.[95]
      Trotz dieser grundsätzlichen Orientierungen besteht in vielen Bereichen ein hoher Grad an Unsicherheit in Bezug auf die Konsequenzen beim Eingreifen in den Naturhaushalt. Teilweise ist unklar, in welchen Größenordnungen globale Umweltveränderungen durch regionales Eingreifen beim Öko-Gesamtsystem entstehen.[96] Wegen der vorherrschenden Unsicherheit wird eine risikoaversible Strategie postuliert. Grundsätzlich gilt:

"Die Nutzung einer Ressource darf nicht größer sein, als ihre Regenerationsrate oder die Rate der Substitution all ihrer Funktionen (Ressourcenschonung). Die Freisetzung von Stoffen darf nicht größer sein, als die Aufnahmekapazität der Umweltmedien (Tragekapazität)."[97]

Entscheidend ist nicht nur der Bestand des natürlichen Kapitalstocks, sondern die Aufrechterhaltung der entsprechenden ökologischen Funktionen, um eine langfristige Reproduzierbarkeit der gegenwärtigen Umweltnutzung aufrecht zu erhalten.[98]
      Die Enquete-Kommission für Umwelt und Entwicklung hat in diesem Zusammenhang vier grundlegende Regeln zur Ressourcennutzung und zulässigen Umweltbelastung aufgestellt:

  • "Die Abbauraten erneuerbarer Ressourcen sollen die Regenerationsraten nicht überschreiten.
  • Nicht erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen oder höherer Produktivität der erneuerbaren sowie der nicht erneuerbaren Ressourcen geschaffen wird.
  • Stoffeinträge in die Umwelt sollen sich an der Belastbarkeit der Umweltmedien und Regelungsfunktionen der Ökosysteme orientieren.
  • Das Zeitmaß anthropogener Eingriffe bzw. Stoffeinträge in die Umwelt soll im ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß der für das Reaktionsvermögen der Umwelt relevanten Prozesse stehen."[99]

Weiterhin sollte die Nutzung von fossilen Brennstoffen, Grundwasser und Mineralien mit einem höchstmöglichen Wirkungsgrad genutzt werden. Sich erschöpfende Ressourcen sollten ausschließlich als Übergangsressourcen verstanden werden.[100]

Die primäre Orientierung an der "Konstanz des natürlichen Kapital-Stocks" ist nicht ohne Kritik geblieben. Busch-Lüthy hält diese Zielorientierung innerhalb der Ökonomie für eine quantitativ-verkürzte Reduzierung des eigentlichen Problemfeldes, das soziale Fragen ausblendet.[101]


92 vgl. Meffert/Kirchgeorg 1993, S. 35
93 Amelung 1992, S. 415
94 Brenck 1992, S. 388f
95 vgl. Costanza 1992, S. 90
96 vgl. Brenck 1992, S. 382
97 Halbritter 1994, S. 43
98 vgl. Brenck 1992, S. 392f
99 Grießhammer 1994, S. 30
100 vgl. Meadows/Meadows/Randers 1992, S. 256
101 vgl. Busch-Lüthy 1994, S. 12

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