3.2 Zur rhetorisch-sprachpragmatischen Verwendung

Das Begriffswirrwar um die deutsche Übersetzung des Begriffes "Sustainable Development" ist eklatant. In Anlehnung an die Verwendung innerhalb der Forstwirtschaft präferiert Busch-Lüthy die Übersetzung "Nachhaltige Entwicklung".[37]

"Für "sustainability" ist im Deutschen zwingend "Nachhaltigkeit" zu setzen. Allen inhaltslosen und sinnwidrigen Mißbräuchen als alltagssprachliches Modewort zum Trotz ist Nachhaltigkeit in der Agrarkultur als erhaltende Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen inhaltlich eindeutig definiert und auch vielfältig praktiziert worden."[38]

Radermacher vertritt die Auffassung, daß auf die explizite Nennung der Bezeichnung "Entwicklung" verzichtet werden kann, da sie in der Definition der Nachhaltigkeit bereits enthalten ist.[39] So argumentieren auch Meffert und Kirchgeorg:

"Die Zukunftsbezogenheit ist im Begriff selbst verankert. Da der Bogen zu den Bedürfnissen zukünftiger gespannt ist, sind intergenerative Gerechtigkeit, Sicherung der Überlebensfähigkeit und der verantwortliche Umgang mit Ressourcen unverzichtbar."[40]

Hinterberger und Welfens halten die Bezeichnung "zukunftsfähige Entwicklung" für angemessen, um die Verantwortung für zukünftige Generationen hervorheben.[41] Auch Endres macht deutlich, daß "Sustainable Development" eine normative Bezeichnung darstellt, durch die ein konnotativer Zukunftsbezug ausgedrückt wird.

""Development" does not mean "change", it means a change of society which is beneficial, i.e., which leads society closer to its goals. The word "sustainable" meant the improvement is not meant to be achieved for the present generation, but for the upcoming generations, also."[42]

Meadows u.a. schlagen unter Berücksichtigung der Zukunftsverantwortung vor, daß die angelsächsische Bezeichnung mit "Aufrechterhaltbarkeit" übersetzt werden sollte. Sie verstehen darunter den

"[...] Zustand eines Systems, das sich so verhält, daß es (nach menschlichem Ermessen) über unbeschränkte Zeiträume ohne grundsätzliche oder unsteuerbare Veränderungen im Rahmen der gegebenen Umwelt existenzfähig bleibt und vor allem nicht in den Zustand der Grenzüberziehung gerät."[43]

Weitere Übertragungen von "Sustainable Development" liegen in den Formulierungen "Durchhaltbarkeit", "Zukunftssicherheit", "Zukunftsverträglichkeit"[44], "Langfristige Tragfähigkeit"[45] und "Beständige Entwicklung". "Dauerhaftigkeit" und "Zukunftsfähigkeit" werden weiterhin im Verständnis einer auszuschließenden Selbstdestruktivität eines Entwicklungsprozesses verstanden.[46]

Einige Autoren merken kritisch an, daß durch die aufgeführten Bezeichnungen "Floskeln" und "Allerweltskategorien" formuliert werden, die inhaltsleer und beliebig bleiben können.[47] Die Verwendung der Begriffe könne sich innerhalb der umweltpolitischen Diskussion zu einer "inhaltsleeren Zauberformel" entwickeln.[48] Kritik wird außerdem am breiten Themenspektrum geübt, das mit Nachhaltigkeitsüberlegungen in Verbindung gebracht wird. Neben ökologischen Fragen werden u.a. Verteilungsprobleme problematisiert, "nachhaltiges Wachstum", "nachhaltige Lebensweise" und "nachhaltige Industrialisierung" stellen nur wenige Facetten innerhalb der Diskussion dar.[49]

Pfriem bemängelt, daß die Idee der Nachhaltigkeit noch kein Konzept darstellt. Er befürchtet, daß der Begriff ebenso unbestimmt bleibt, wie der des "qualitativen Wachstums", der vor 20 Jahren die Debatte im wirtschaftspolitischen Bereich bestimmte, jedoch praktisch wenig bewirken konnte.[50] Die Orientierung an einer Forderung hin zu einer nachhaltigen Entwicklung kann zu einer konsensstiftenden Leerformel verkommen, wenn sie nicht konkretisiert wird und Handlungsstrategien, Maßstäbe und Verfahrensregeln liefert, die eine Operationalisierung eines allgemeinen Nachhaltigkeitsprinzips erlaubt, das zugleich innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Praxis umgesetzt wird.[51]

Innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte herrscht ein breites Spektrum an Themenfeldern. Längst geht es nicht mehr nur um die Nutzung von Naturressourcen, sondern die ganze natürliche Lebensgemeinschaft bis hin zum gesamten Ökoystem gerät ins Blickfeld des Interesses. Aufgrund der beobachteten Wechselwirkungen und Vernetzungen umweltrelevanter Eingriffe in den Naturhaushalt wird die globale Dimensionen verstärkt ins Kalkül der Überlegungen einbezogen.[52] Entsprechend "breit" angelegt wurde die Thematik auch innerhalb internationaler Konferenzen.


37 An dieser Bezeichnung wird auch in diesem Text festgehalten.
38 Busch-Lüthy 1992, S. 8
39 vgl. Radermacher 1993, S. 331
40 Meffert/Kirchgeorg 1993, S. 352, S. 18
41 vgl. Hinterberger/Welfens 1993, S. 6
42 Endres 1993, S. 177
43 Meadows/Meadows/Randers 1992, S. 298
44 vgl. Kanatschig/Schachtner 1994, S. 263
45 vgl. Simonis 1991
46 vgl. Kopfmüller 1993, S. 6
47 vgl. Mai 1993, S. 97, Stahl 1992, S. 468
48 vgl. Dyllik-Brenzinger/Rufer 1992, S. 1
49 vgl. Stahl 1992, S. 468
50 vgl. Pfriem 1992, S. 14
51 vgl. Busch-Lüthy 1992a, S. 46, Bringezu/Schütz 1994, S. 57
52 vgl. ebd., S. 29ff

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