5.3 Stakeholder-Dialog und Runde Tische

Der Stakeholder-Dialog stellt die direkteste Form der Kommunikation von Unternehmen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld dar. Er bietet die Möglichkeit, nicht nur im Falle von akuten Konflikten wechselseitig Verständigung zu fördern, sondern auch gemeinsam langfristige Lösungsansätze zu erarbeiten. Der Stakeholder-Dialog kann in Form von Unternehmensgesprächen, Diskussionsforen oder Runden Tischen zwischen Verbänden, NGOs, Bürgerinitiativen, Nachbarschaftsräten oder individuellen kritischen Stakeholdern auf der einen und Unternehmen auf der anderen Seite stattfinden. Die Themen sind situative oder auch strukturelle Probleme, die sich aus der unternehmerischen Leistungserstellung ergeben. Dies können beispielsweise Fragen zur Gentechnologie oder Kernenergie, zur Stellung eines Unternehmens zu Menschenrechtsfragen, oder auch nur die Geruchsbelästigungen von Anrainern eines Werksgeländes sein.
      Das Schweizer Chemieunternehmen Ciba-Geigy[259] zeigte 1985, wie schnell sich ein Umweltdialog mit Kritikern herstellen lässt. Als Greenpeace-Aktivisten in einem der Werke eine öffentlichkeitswirksame Kaminbesetzung durchführen wollten, wurden sie von der Konzernleitung spontan zur Diskussion am Runden Tisch eingeladen.[260]
      Hansen/Niedergesäß/Rettberg identifizierten in ihrer 1997 veröffentlichten Studie bereits 25 Unternehmensdialoge in Deutschland, an denen namhafte Firmen sowie zahlreiche Vertreter gesellschaftlicher Gruppen beteiligt waren. Die tatsächliche Zahl der Dialogverfahren liegt vermutlich weitaus höher, da oft unter den Teilnehmern Vertraulichkeit vereinbart wird und so keine offiziellen Informationen an die Öffentlichkeit gelangen.[261]
      Die Motive der Unternehmen, die den direkten Dialog suchen, sind unterschiedlich: Henkel beispielsweise initiierte aufgrund der Kritik der evangelischen Kirche an seiner Rohstoff-Beschaffungspolitik von den Philippinen den "Gesprächskreis Natürliche Rohstoffe", der allerdings scheiterte.[262] Unilever befindet sich bereits in der dritten Phase eines Stakeholder-Dialogs, der zu Beginn unbefriedigend für die Anspruchsgruppen verlief, weil das Unternehmen nur die eigene Position rechtfertigen wollte. Heute bezieht Unilever seine Stakeholder frühzeitig in Überlegungen mit ein.[263] Das Versandhaus Quelle möchte im Dialog mit Umweltgruppen direkt über deren Ansprüche und Forderungen unterrichtet werden. Cherry Mikroschalter erhält durch Gespräche und Mitarbeit in Umweltverbänden vorteilhafte Informationen und Insiderwissen.[264]


Das Beispiel HoechstNachhaltig

Das Frankfurter Chemieunternehmen Hoechst[265] begann 1995 einen der bislang umfangreichsten Dialoge mit seinen bisherigen Kritikern vom Öko-Institut aus Freiburg. Erstaunlich am Projekt HoechstNachhaltig war insbesondere, dass diese Zusammenarbeit selbst nach der Störfallserie bei Hoechst 1993 stattfand. Die Unfälle bei Hoechst stellten "einen Höhepunkt in der von inniger Feindschaft geprägten Geschichte von Öko-Institut und Hoechst AG" dar. Außerdem hatte "Hoechst unter den Chemie-Multis immer als besonders unbeweglich"[266] gegolten.
      Ein Jahr nach einer internen Diskussionsrunde mit dem Öko-Institut, kam Hoechst auf das Öko-Institut mit der Frage zu: "Wie kann man das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, das Hoechst als zukunftsweisend für sich ansieht, konkretisieren und in das operative Geschäft einfließen lassen?"[267] Das Öko-Institut erarbeitete daraufhin ein Instrument, mit dem das Unternehmen den Nachhaltigkeitszustand seiner Produkte selbst beurteilen konnte (PROSA - Product-Sustainability-Assessment).
      Hoechst nahm die Vorschläge des Öko-Institutes an und begann in mehreren Projektphasen mit der Umsetzung. Und dies, obwohl zwischenzeitlich, im Januar 1996, der Störfall "Griesheim II" stattgefunden hatte und das Öko-Institut Hoechst abermals öffentlich angeprangert hatte. Für das Öko-Institut war dies der Beweis, "dass es Hoechst nicht nur darum ging, das ramponierte Image mit Hilfe des Öko-Instituts aufzupolieren".

"Für die Bewertung der Zusammenarbeit ist es von zentraler Bedeutung, dass Hoechst unsere Vorschläge grundsätzlich umsetzt. Wenn sich der Vorstand [...] auf die Pflege von Kapitalanlegern und die Steigerung des Unternehmens- und damit des Aktienwertes zurückzieht, und das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung ansonsten nur zu Sonntagsansprachen nutzt, dann wird sich materiell für Umwelt und Entwicklung wenig zum Guten wenden. Der Hoechst-Konzern ist nach wie vor weit von einer Nachhaltigen Entwicklung entfernt. Wir halten es aber nach Abschluss des Projektes HoechstNachhaltig für möglich und notwendig, dass sich der Hoechst-Konzern nachhaltig entwickelt."[268]

Die innovative Zusammenarbeit des Öko-Instituts mit dem Chemieriesen blieb erwartungsgemäß von Kritik nicht verschont: Vor allem von NGO-Seite wurde dem Öko-Institut vorgeworfen, einen Zweckoptimismus zu vertreten und sich als "besserer Unternehmensberater" aufzuspielen, ohne dabei zu merken, von der Industrie absorbiert zu werden.[269]


259 Heute, nach der Fusion mit Sandoz 1996, unter dem Namen Novartis.
260 Vgl. Müller-Christ/Höfer (1998) und Peter Ulrich, Ökologische
       Unternehmungspolitik im Spannungsfeld von Ethik und Erfolg. Fünf
       Fragen und 15 Argumente, St. Gallen [2]1992, S. 16.
261 Vgl. Ursula Hansen/Ulrike Niedergesäß/Bernd Rettberg: "Erschei-
       nungsformen von Unternehmensdialogen", in: Public Relations Forum,
       2 (1997), S. 32-36.
262 Vgl. Hansen/Niedergesäß/Rettberg et al. (1997), S. 35.
263 Vgl. Heike Leitschuh-Fecht/Ulrich Steger: "Mächtig aber allein -
       Unternehmen im ökologischen Diskurs mit der Gesellschaft", in: Günter
       Altner et al. (Hg.): Jahrbuch Ökologie 2003, München 2002, S. 85.
264 Vgl. Müller-Christ/Höfer (1998).
265 Die Hoechst AG firmiert mittlerweile als Beteiligungsgesellschaft im
       Aventis-Konzern.
266 Christoph Ewen et al. (Hg.): Hoechst Nachhaltig. Sustainable
       Development: Vom Leitbild zum Werkzeug, hrsg. v. Öko-Institut e.V.,
       Freiburg 1997. Vorwort von Christoph Ewen, S. 5.
267 Ewen et al. (1997): S. 5.
268 Ewen et al. (1997): S. 7.
269 Vgl. Herbert Steeg (1998): "Kooperation von Öko-Institut und
       Hoechst. Ökologischer Richtungswechsel oder Marktlücken-
       forschung?", in: SWB - Stichwort Bayer 4 (1998) (hrsg.v. Coalition
       against Bayer-Dangers, Düsseldorf).

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