5.1.2.4
Dialog durch Berichterstattung
Grundsätzlich zählen SD-Reports als Print-Broschüren natürlich zur einseitigen
und asymmetrischen Kommunikation. SD-Reports eignen sich aber dennoch
einerseits als Einstieg in die zweiseitig-dialogische Kommunikation
(Informationstransparenz als Basis für Dialog, vgl. Kapitel 3.2.2.),
andererseits können sie das Ergebnis eines vorgeschalteten Stakeholder-Dialoges
sein. So ist einer der Hauptgründe, warum Firmen überhaupt SD-Reports
erstellen, der grundsätzliche Wille zum Dialog mit Stakeholdern. Einige
Unternehmen aus der Untersuchung von Schulz sehen im Umweltbericht und
im Dialog "eine Notwendigkeit, um die Ziele des Umweltschutzes überhaupt
verwirklichen zu können."[239] Gespräche mit Stakeholdern
vor der Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichtes können dazu wertvolle
Informationen über die relevanten und gewünschten Inhalte geben.[240]
Novo Nordisk erhielt beispielsweise aus dem Dialog mit NGOs überhaupt
erst die Anregung, einen Bericht über seine Umweltschutzleistungen zu
schreiben.[241]
Besonders innovativ ist die Verzahnung
der SD-Reports mit dialogischen und gleichberechtigten Kommunikationsformen,
die von einfachen Feedback-Postkarten über die Einbindung von Internet-Foren
bis hin zur Publikation von Stakeholder-Kommentaren reichen.
Das Beispiel Shell: "Involve me"
Eine
gewagte Verbindung von gesellschaftlichem Dialog und dem Medium SD-Report
startete Shell in Form des internetbasierten Meinungsforums Tell
Shell.[242] Tell Shell ist eine Art universell
zugänglicher ‚Meckerkasten' auf der Webseite von Shell, der nicht zensiert
wird, wie das Unternehmen betont. Hier ist beispielsweise Kritik am
Verhalten des Unternehmens im Fall Ken Saro Wiwa zu finden, die von
Stakeholdern in das Forum eingestellt wurde. In einigen Einträgen wird
Shell konkret die Mitschuld an der Hinrichtung des nigerianischen Bürgerrechtlers
gegeben. Shell veröffentlicht einige Beiträge aus dem Internetforum
im jährlich erscheinenden SD-Report People, Planet and Profits: The
Shell Report unter der Rubrik: "You told Shell".
Shell beschreibt die Philosophie
hinter dieser innovativen Idee wie folgt:
"'Tell
Shell' is now firmly established as a key feature of our engagement
activities. It was created to encourage readers of The Shell Report
and our 'Profits and Principles' advertising campaign to dialogue with
us on issues. It is now a much-used route for a wide range of comment,
queries and debate. [...] Senior executives read and discuss the comments
that provide an important indicator of people's feelings - good and
bad - on issues of concern to Shell, our industry and society."[243]
Shell
macht sich so angreifbar und stellt sich selbst die Aufgabe, den Anschuldigungen
im Bericht etwas entgegenzusetzen. Einer rein auf Überredung und auf
‚Anschluss' bedachten PR wird so eine Absage erteilt.[244]
Shell sah diese Form der direkten Kommunikation als notwendig an, nachdem
das Unternehmen an öffentlichem Vertrauen nach dem Brent Spar-Fall und
den Ereignissen in Nigeria enorm eingebüßt hatte.
Heute weiß
Shell: "As trust diminishes, the demand for transparency in the form
of assurance mechanisms increases".[245] Dies verdeutlicht
Mark Wade von Shell anhand eines Modells, mit dem er die Notwendigkeit
zum SD-Reporting und zur Einbeziehung von Anspruchsgruppen begründet.
Das Modell geht von vier chronologisch getrennten Phasen aus. In jeder
Phase erhöhen sich die Ansprüche der Stakeholder immer weiter und schaffen
so neue Rahmenbedingungen für das Unternehmen: Während
die Anspruchsgruppen in der Phase des so genannten "trust me" noch mit
traditionellen Formen der Unternehmenskommunikation zufriedenzustellen
sind, müssen in der nächsten Phase des "tell me" Informationen vorgezeigt
werden (z.B. in Form von Berichterstattung). Auf der dritten Stufe verlangt
die Gesellschaft über Worte hinaus Handlungen, die sichtbar
vorgezeigt werden müssen ("show-me-society"). Danach beginnt die "involve-me"-Phase.
Hier kann Vertrauen in Unternehmen nicht mehr durch Persuasion, sondern
nur noch durch Einbindung der Stakeholder geschaffen werden, letztlich
durch Partizipation.[246]
Shell stuft sich demnach wohl selbst
in der "involve-me"-Phase ein, da die Adressaten des Ölkonzerns nicht
wie bei "tell me" auf Informationen des Unternehmens warten müssen,
sondern sie können sich gegenüber Shell selbst artikulieren (durch das
Forum Tell Shell). Abbildung
5 zeigt nochmals das Schema des von Shell angestrebten Kommunikationskreislaufs,
dem so genannten "SD-Management Framework". Darin werden u.a. die Stationen
der Einbeziehung von Stakeholdern ("Engagement"), der Berichterstattung
über konkrete Leistungen ("Report and communicate performance") und
der Einbeziehung von neuen Erkenntnissen ("Review and incorporate learning")
beschrieben.
239
Schulz (1995): S. 222.
240 Vgl. SustainAbility/UNEP
(1996a): S. 56.
241 Novo Group
(Hg.): Values in a Global World, The Novo Group
Environmental
and Social Report 2000, Bagsvaerd/Dänemark 2001,
S.
16.
242 Vgl. Royal
Dutch/Shell Group (Hg.): People, Planet and Profits, The
Shell
Report, Berichtsjahr: 2000, Den Haag/London/New York 2001,
S.
27, im Internet: http://www.shell.com/tellshell,
oder per E-mail an
tell-shell@si.shell.com.
243 Royal
Dutch/Shell Group (2001): S. 27. - Einige Details zur Reich-
weite
von Tell Shell: Mehr als 1000 Antworten pro Jahr, durch-
schnittlich
97 im Monat. Die häufigsten Themen sind Nigeria und
erneuerbare
Energien (vgl. Vortrag von Mark Wade (Shell)).
244 Vgl. Kapitel
3.2.
245 Mark Wade:
Sustainable development reporting on the Internet -
a
Shell perspective, Vortrag in der Vanderbilt University, Nashville,
USA
o.J., im Internet: http://www.vanderbilt.edu/vcems/cesr2/
markwadepresentation.pdf,
(Zugriff: 26.08.2002).
246 Vgl. Wade
(Shell).